Champion Tolkin im Interview: "Habe mein bestes Jahr gespielt"

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Am 15.11.2020 bezwang mousesports Schalke 04 Evolution im Endspiel der Prime League Season Finals. Damit trägt das Team den Titel des besten deutschen Lineups 2020. Der 23-jährige deutsche Top-Lane-Star Niklot 'Tolkin' Stüber spricht für sein Team über das Finale, das ganze letzte Jahr und verrät ein paar Dinge über sich selbst.


Autorin: Beatrice Schüller

Hallo Tolkin. Danke, dass du dir die Zeit für uns nimmst und noch einmal herzlichen Glückwunsch zum Triumph bei den Season Finals! Habt ihr vorher mit dem Sieg gerechnet?

Oh ja, wir waren uns sehr sicher, dass wir 3:0 gewinnen und durchstompen werden. Aber wir wurden ein wenig selbstgefällig. Schalke war viel besser, als wir gedacht haben. Sie haben super gut unsere Fehler bestraft, eigene Leads aufgebaut und unsere nächsten Fehler erzwungen. Glücklicherweise konnten wir zum Ende hin den Sack trotzdem noch zumachen.


Nach den ersten zwei Siegen folgten zwei Niederlagen. Statt der Dominanz ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wie hat sich das letzte Game angefühlt?

Wir waren vor dem Game schon sehr glücklich wegen unseres Drafts. Wenn die Pick-und-Bann-Phase stimmt, kann man mit sehr viel Ruhe, Sicherheit und Selbstbewusstsein ins Spiel gehen. Wir freuten uns über unsere Zusammensetzung und wussten, Schalke kann schlecht dagegen spielen und insgesamt haben wir das clean heruntergespielt und die Serie für uns entscheiden können.


Ihr habt Schalke zum dritten Mal in Folge im Finale gegenübergestanden. Freut man sich, gegeneinander zu spielen oder überwiegt die Rivalität?

Ich denke das geht Hand in Hand. Es ging um die Entscheidung, wer das beste deutsche Team dieses Jahres sein wird, dementsprechend ist die Rivalität riesig. Trotzdem macht es großen Spaß gegen Leute zu spielen, die man kennt. Aber gerade gegen ehemalige Teammitglieder wie Lurox möchte man nicht verlieren.




Zu guter Letzt habt ihr die Prime League ja gewonnen. Im Frühling sah das mit eurer ersten Niederlage jedoch ganz anders aus. Was unterscheidet mousesports vom Spring Split zum Titelträger heute?

Im Frühling waren wir viel zu bereit, einen Spielstil zu adaptieren, der uns nicht liegt. Wir haben LIDER auf Control-Mages wie Corki und Azir gezwungen, allgemein haben wir andere Teamkompositionen gespielt und waren abhängig davon, das 1-3-1, also den Splitpush, zu gewinnen. Und das in einer Zeit, in der Teamfights um Drachen und Objekte schwerer wogen.

Sobald wir angefangen haben, davon abzusehen und trotzdem noch Champions spielten, mit denen man potenziell das Eins-gegen-Eins gewinnen könnte, lief es weit besser für uns. Ich habe eine Menge Urgot blind gepickt, damit andere counterpicken können. Das hat lange sehr gut funktioniert. Den eigenen Spielstil verfolgen und auf die Meta anzuwenden, genau das ist wichtig. Das haben wir im Spring Split vernachlässigt, im Sommer jedoch besser hinbekommen. Es ist cool, wie wir als Team in Synergie und Identität zusammengefunden und uns verbessert haben. Da sieht man bei uns eine klare Entwicklung.


Das erste Jahr Prime League ist geschafft. Was löst diese Season in dir aus?

Diese Season löst eine Menge Frust in mir aus. Ich habe erst gedacht, dass ich einer der wenigen wäre, der job-bedingt relativ wenig unter Corona leiden wird. Aber ich habe in diesem Jahr richtig gespürt, wie wichtig diese Offline-Events für mich sind und wie viel Spaß und Energie ich daraus ziehe, Leute zu treffen, auf einer Bühne zu spielen und richtig zu spüren, dass es hier um etwas geht. All diese Emotionen sind dieses Jahr verloren gegangen.

Vor allem hätte ich gerne meine Team-Mates öfter gesehen. Vorher habe ich immer in Gaming Häusern mit meinem Kollegen zusammen gelebt und viel mit ihnen zusammen gemacht. Diese Season habe ich meine Kameraden einen einzigen Tag lang gesehen. Das war ziemlich zehrend. Deswegen ist bei dieser Season ein bitterer Beigeschmack dabei. Klar, wir haben viel gewonnen, aber der Frust sitzt in dieser Hinsicht tief.


Wenn du die Season in einem Wort zusammenfassen müsstest, bliebe es bei Frust?

Nein, dass ist mir zu negativ. Wehmut ist ein gutes Wort.


Welcher Punkt hat dich am meisten berührt bzw. frustriert?

Als ich mir das eine Spiel angeguckt habe, indem ich hinter die Gegner teleportiere und Maxim schreit „Da ist der Tolking!“, da hatte ich richtig Gänsehaut. Eine mega nice Szene, hat mir gut gefallen, aber im Spiel selbst war der beste Moment im Finale. Trotz zwei Niederlagen gegen Schalke sind wir cool geblieben, haben gechillt und das Game clean heruntergespielt. Das war extrem professionell von uns allen performt.

Gerade zu uns sagt man, wir würden viel zu schnell emotional werden und leicht zerfallen, aber im Finale waren wir genau das Gegenteil: Wir haben das Momentum kurz an Schalke gegeben, aber wir konnten zu einer ruhigen Ausgangslage zurückkehren und das Spiel gewinnen.


Gibt es hier einen Spieler, den du hervorheben möchtest?

Obsess. Ihm wurde zu wenig angerechnet, weil LIDER logischerweise Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber gerade Obsess hat mehr dafür getan, LIDER in Szene zu setzen als jeder andere. Gerade supportive Player werden viel zu schnell unter den Teppich gekehrt, weil alle flashy Plays sehen wollen, aber keiner das Setup versteht, das dafür nötig ist.




Die deutsche Liga ist nichts Neues für dich, aber was setzt die Prime League von vorherigen Formaten ab?

Was die Prime League cool macht, ist, dass sie alle Formate davor, die mit der ESL, Summoner’s Inn Liga und der Premier Tour echt viele waren, ersetzt. Sie waren verwirrend für die Zuschauer, weil die Turniere so vielfältig waren und man schnell den Überblick über die Leistung der Teams verlor. Die Prime League hat eine richtig geile Produktion. Jeder weiß, hier geht es um alles und das Einzige, was ihr fehlt, ist das Offline-Event, das aufgrund von Corona nicht stattfinden konnte.


Du bist sechsmal deutscher Meister geworden: Welche Entscheidungen haben dich bis hierher geführt?

Wow, das ist eine sehr gute Frage… Natürlich ist überhaupt professionell zu spielen ein riesiger Schritt im Vergleich dazu, einfach League zu spielen und Spaß zu haben. Eine der wichtigsten Entscheidungen, die ich allen ans Herz lege, die sich verbessern wollen: Hört auf, mit euren Freunden zu spielen, was erstmal seltsam klingt. Aber wenn man aufhört, für Spaß zu spielen – mit Freunden trollt man ja eher und dergleichen – dann kann man leichter besser werden und Spaß am Wettbewerb finden.

Genau dieses Mindset "Spaß am Wettbewerb" zu haben, ist etwas unglaublich Wichtiges, wenn man Erfolg haben will und das geht Hand in Hand mit der Mentalität, dass man Gewinnen weniger mag als das man Verlieren hasst. Verlieren hassen und Niederlagen so schmerzhaft wahrnehmen, dass man nicht mehr normal spielen möchte... Diese beiden Einstellungen sind für mich jedenfalls zentral in meiner jetzigen Pro-Player-Karriere.


In der Solo-Queue kennt man dich als "Tollkühn", beschreibt das deinen Spielstil ganz gut?

In vielerlei Hinsicht ja. Ich spiele sehr viel rücksichtsloser in Solo-Queue als in Kompetitiv, weil es auch darum geht, Limits zu testen und nicht unbedingt 100% mit dem Kopf zu spielen, sondern sich auf die Instinkte zu verlassen. Ein tollkühner Playstyle ist einer, der cool ist und Spaß macht.


Der Twitch-Chat ehrt dich hingegen als "T O L K I N G". Hättest du dir diesen Namen jemals selber gegeben?

Definitiv nicht. Auf einen selbst klingt das ein wenig seltsam, aber wenn dir die Community den Namen gibt, ist das ganz cool und ich habe mich darüber gefreut.


Womit glaubst du, den Spitznamen "T O L K I N G" verdient zu haben?

Ich denke, ich habe mein bestes allgemeines Jahr gespielt, was Kompetitiv angeht. Der Nickname wurde mir gerade wegen der Summer Playoffs verliehen, in dem ich etliche Solo Kills holte. Darauf bin ich sehr stolz und es freut mich, dass die Community das auch so wahrgenommen hat.


Folgt bald der Name-Change?

Oh nein, dazu wird es nicht kommen. Ich bin ganz happy mit meinem Tolkin und "Tolking" würde keinen Sinn mehr ergeben wegen meinem Namen rückwärts.




Nichtsdestotrotz hast du einen ebenso großen Eindruck hinterlassen! In eigenen Worten, was macht dich besonders?

Eine große Vielfalt davon, was ich spielen kann und wie ich als Team-Mate fungiere. Beispielsweise das Best-of-Five gegen Schalke steht symbolisch dafür, was ich für ein Spieler bin und wer ich sein möchte.

Ich habe fünf verschiedene Champions gespielt und auch fünf verschiedene Styles gezeigt: Von einem supportive Toplaner wie Lulu bis zum Hardcore-Carry Vladimir, Urgot, Renekton und Full-Tank Sion. Ich kann Strong- und Weakside stark spielen und mit einem großen Championpool hinterlegen. Gerade auf Prime-League-Basis ist das nicht häufig der Fall.

Andererseits bin ich ein Team-Mate, der seine Mitspieler motiveren kann, weiterhin und besser zu spielen, ohne dabei Druck aufzubauen.


Deine Vielfalt im Championpool und deine Bereitschaft fürs Team zu agieren machen dich besonders. Zeichnet dich eben das als Spieler auch aus?

Beides sind extrem wichtige Faktoren und das, woran man denken sollte, wenn man über mich spricht. Spieler werden immer sehr leicht abgestempelt als Weakside- oder Strongside-Spieler. Es ist hervorzuheben, dass viele Spieler beides können.


Würdest du trotzdem etwas an dir ändern wollen?

Meine Identität will ich nicht ändern. Vielmehr möchte ich das, was ich bin, besser spielen. Das ist eine Philosophie, die Top-Lane ausmacht und jeder gute Top-Laner haben sollte.


Wie schaffst du es, dein Mindset positiv zu halten?

Der Erfolg hilft. Ich habe einige Male gewonnen, das macht eine Menge Spaß dadurch, aber ich hatte auch viele bittere Niederlagen. Gerade am Anfang habe ich jede LAN verloren, zu der ich gefahren bin. Da waren auch einige Momente dabei, die richtig, richtig weh getan haben. Aber ja, gute Teammates und die Ambition, besser zu werden, nicht stehen zu bleiben, sondern ein Gefühl dafür zu bekommen, besser zu werden und Improvement zu sehen, ist extrem motivierend, selbst wenn man verliert.


In drei Punkten, warum spielst du heute noch League of Legends?

Ein sehr wichtiger Punkt ist, dass es mir unfassbar viel Spaß macht zu streamen, mit anderen Leuten zu reden oder über das Spiel zu quatschen. Mit anderen etwas zu teilen, das ich seit Jahren mit großer Leidenschaft betreibe und sie womöglich auch, macht es cool.

Der andere Aspekt ist in kompetitiver Hinsicht. Es ist etwas ganz besonderes, wenn man mit Leuten zusammen wohnt, spielt, schwitzt, trainiert, die auch viel für League of Legends geopfert haben. Alle bemühen sich und das sorgt für eine spezielle Atmosphäre. Wir lieben das Spiel und haben viel dafür getan, gut zu werden. Mit Leuten Zeit zu teilen, die so viel Feuer für dasselbe Thema aufbringen, knüpft innige Bekanntschaften und ich habe dadurch viele tolle Freunde gefunden.

Der dritte Punkt wäre wahrscheinlich einfach, das Spielen zu meinem Alltag geworden ist. Ich betreibe es seit Jahren; das Hobby ist praktisch zum Beruf übergegangen.


Möchtest du noch irgendetwas einbringen? Einen Dank an die Community oder ähnliches?

Absolut! Ich möchte mich bei meinen Mitspielern und mousesports bedanken für ein tolles Jahr. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so ein Roster überhaupt aufstellen können und das hat eine Menge Spaß gemacht. An dieser Stelle vielen Dank an Candyfloss, unseren Coach, der alles erst organisiert hat.

Ich habe viel gelernt von meinen Mitspielern, die besser sind als ich, die entweder LEC gespielt oder das MSI bzw. EU Masters gewonnen haben. Von und mit ihnen zu lernen, hat mir Spaß gemacht. Danke an alle, die zugesehen haben. Ich will keine Oscar-Rede halten, aber es hat einfach eine Menge Spaß gemacht, zu spüren, dass es Leuten wichtig ist, wie wir spielen und dass sie mitfiebern, wenn sie wissen, dass es für uns um viel geht.


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